Eine neue Ära
1961 – 2000
Die Schlehenbeißer waren geboren – damit begann auch eine neue Ära für die Liptinger Narretei.
Die ersten Auftritte
Einer der ersten Auftritte der Schlehenbeißer fand, auf Einladung des Männergesangvereins, ausgerechnet im benachbarten württembergischen und anti-närrischen Tuttlingen statt. Man ging mit gemischten Gefühlen, wusste man doch, dass man Fasnet in Tuttlingen nicht kannte. Als Zeremonienmeister fungierte Josef Maier, besser bekannt als „Schuster“, ein Liptinger Original und Obernarr, der nicht nur als Narr, sondern auch als begnadeter Theaterspieler in vielen Rollen geglänzt hat.
Auch politisch ist man in den Anfangsjahren auf die Schlehenbeißer aufmerksam geworden: Der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Kurt-Georg Kiesinger – später auch Bundeskanzler – war am Schmotzigen Dunnschtig 1965 zum Narrenbaumsetzen nach Stockach eingeladen. Alle Wege von Stuttgart nach Stockach führten damals über Liptingen. Hier wurde der Konvoi angehalten – und der Ministerpräsident erhielt aus der Hand von Zunftmeister Walfried Renner eine Flasche Schlehengeist und eine Schlehenbeißermaske überreicht.
Narrentreffen 1969
Das erste große Narrentreffen mit den Schlehenbeißern als Gastgeber fand vom 1. bis 3. Februar 1969 statt. Aus Zeitungspapier, Mehl und Fugenfüller, gemischt mit Wasser, wurden ca. 7.000 Festabzeichen geformt. 8 km Girlanden säumten die Straßen – es schien, als ob ganz Liptingen an den Vorbereitungen beteiligt war.
26 Zünfte mit insgesamt rund 1.500 Narren nahmen am Umzug teil, dazu kam „ein großer Zustrom aus allen Richtungen“ von Zuschauern, die dem Spektakel beiwohnen wollten. Anlässlich des Narrentreffens wurde auch die neu geschaffene Tanzgruppe der Schlehenblüten vorgestellt.
Patenschaften und Freundschaften
Die frühen 70er und 80er Jahre waren für viele Narrenvereine die Geburtsstunde neu geschaffener Zünfte. So war es für den Narrenverein Schlehenbeißer eine Ehre, sich im Jahre 1972 als Pate für die neu geschaffenen Durbestecher aus Sauldorf und die Buchenberger aus Emmingen zur Verfügung zu stellen.
Einen ganz besonderen Kontakt haben wir dem langjährig, unermüdlich wirkenden früheren Zunftmeister Walfried Renner zu verdanken. Er stellte in seinem Wohnhaus während des Sommers Gästezimmer zur Verfügung. Eine Gastfamilie kam seit Jahren aus Holland – ein Gast, der ebenfalls närrisch tätig war, und zwar bei den De Poorters aus Eindhoven. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen beiden Zünften, getragen auch durch persönliche Freundschaften, die teilweise bis heute anhalten. Bei einem Besuch der De Poorters im Jahre 1982 wurden dann auch die neu geschaffenen Horchetweible vorgestellt.
Der Narrenbrunnen
Bereits 1978 gab es erste Ideen für einen Narrenbrunnen. Am 23.08.1981 wurde – im Zuge der Gestaltung eines neuen Dorfplatzes – der endgültige Beschluss zur Schaffung des Narrenbrunnens gefasst. Der Künstler Robert Seyfried aus Bohlingen wurde mit der Gestaltung beauftragt. Gleich zwei modellierte Vorschläge standen zur Auswahl. Dass man sich nicht entscheiden konnte und gerne beide verwirklicht hätte, fand auch beim Künstler Anklang und Begeisterung: So fügte er zum Schluss alle drei Figuren zusammen, die dann am 13.02.1983 unter der Teilnahme vieler geladener Zünfte aus der Raumschaft feierlich eingeweiht wurden.
Für Zunftmeister Walfried Renner hatte sich mit der Erstellung des Narrenbrunnens ein langjähriger Traum erfüllt. Am 16.04.1983 übergab er sein Amt an Rüdiger Daus – wobei er nach wie vor, mit viel Freude, als Landvogt die Landschaft Heuberg anführte.
Bereits 1954 wurde Walfried Renner als Narrenrat in das damalige Gremium gewählt. Im Jahre 1959 übernahm er von Walter Maier das Amt des Narrenvaters. Annähernd 30 Jahre, davon fast 25 Jahre in vorderster Front, hatte Walfried Renner der Liptinger Narretei gedient. Er hat die Zunft und die Fasnet, wie sie heute in Liptingen gefeiert wird, entscheidend mitgestaltet und geprägt.
Narrentreffen 1985
Mit 41 Zünften war das Narrentreffen 1985 um einiges größer als das Treffen im Jahre 1969. Vom 18. bis 20. Januar 1985 hatte der Narrenverein Schlehenbeißer nach Liptingen eingeladen. Die Vorbereitung zum Fest mit Zeltaufbau wurde erschwert durch eisige Kälte und einen extrem harten Winter. Am Sonntag, dem Tag des großen Treffens, war Petrus dann vergleichsweise gut gelaunt – bei ca. minus 10 Grad waren es für den Umzug noch erträgliche Temperaturen. Zu Gast waren auch unsere holländischen Narrenfreunde, die De Poorters aus Eindhoven. Im Festzelt, in der Turnhalle und in 18 Besenwirtschaften wurden die Gäste bewirtet.
Die Lietstube
Das Jahr 1985 war – neben dem Narrentreffen – ein weiterer wichtiger Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Schlehenbeißer. Am 21.03.1985 unterschrieb der damalige Zunftmeister Rüdiger Daus die Kaufurkunde zum Erwerb eines alten Hauses in der Rorgenwieser Straße. Man wollte für den Narrenverein eine Heimat schaffen. Das später in „Lietstube“ umgetaufte Haus wurde in über 11-jähriger Tätigkeit grundlegend saniert und renoviert und ist heute Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten des Vereins. Die offizielle Einweihung erfolgte am 13.12.1996.
Im Jahre 1997 gab sich der Verein eine neue Satzung und eine neue Geschäftsordnung; auch die Leitlinien zur Nutzung der Lietstube sowie eine Ordenssatzung wurden definiert.
Schattenseiten und ein neuer Aufbruch
Die Fasnet kennt auch manchmal Schattenseiten: Beim Narrenbaum-Fällen nach der Fasnet 1999 wurde die Freude über eine gelungene Fasnet innerhalb von Sekunden schwer getrübt. Eine Windböe hatte den Narrenbaum auf den Narrenbrunnen gedrückt und ihn schwer beschädigt. Man nutzte den Vorfall, um den Narrenbrunnen danach grundlegend zu sanieren.
Der 11.11.2000 war schließlich die Geburtsstunde für die neueste Gruppe des Narrenvereins: die Zoller. Basis für die Schaffung war die frühere Stellung von Liptingen als Zollstelle der Landgrafschaft Nellenburg.